ARS to ART - Das Kulturmagazin                                  Ausgabe 1/2000:

William Shakespeare

Shakespeare

Der Zauber des Wortes

Gut 400 Jahre nach Shakespeares Geburt, wie man glaubt am 23. April 1564 - sein Taufzeugnis trägt das Datum des 26. April und in elisabethanischer Zeit vergingen wenige Tage zwischen Geburt und Taufe – verkündete ein gewisser John Lennon, seine Musikgruppe, die sogenannten "Beatles" seien bekannter als Jesus.

Führt man jedoch die Zeit als weitere Koordinate ein, muss man zu den Schluss kommen: Ein großer Barde hat die Jungs aus Liverpool klar geschlagen: William Shakespeare. Wer in der westlichen Welt über die Jahrhunderte hätte noch nicht einmal Prinz Hamlets unsterbliches "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage" [3. Akt. 1. Szene] leicht entrückten Blickes und gemessenen Wortes vor sich hingesprochen?

Woher aber rührt diese singuläre Stellung eines Mannes, der noch am Ausgang des 20. Jahrhunderts von literarisch und dramatisch Interessierten hoch geschätzt wird, weit über die Grenze dieser Gruppe hinaus Bekanntheit genießt auch seiner und den nachfolgenden Epochen der literarisch-dramatischen Kunst in Europa Stimulus und Gepräge gab, wie es vorher und nachher in dieser Intensität nicht mehr vorgekommen ist?

Wie zumeist im Leben geschichtlich bedeutender Figuren, deren Leben und Wirken sich nicht nur in das gemeinsame Wissensgut, sondern wie oben zitierter Satz aus dem 3. Akt 1. Szene des "Hamlet" zeigt, auch zuweilen in das kollektive Unbewusste der Menschheit einbrennen, dürfte auch im Falle Shakespeares die Glorie des Zufalls den Ausschlag gegeben haben, die es erlaubte, einen mit außerordentlichen Fähigkeiten begabeten Menschen genau zu dem Zeitpunkt auf die Bühne der Welt treten zu lassen, an dem die äußeren Umstände es vermochten, diese Fähigkeiten zu potenzieren, so dass aus ihnen der höchstmögliche Ertrag fließen konnte.

 

Schon die familiär-heimatliche Ausgangsbasis Shakespeares lässt sich als aussergewöhnlich opportun beschreiben: Der Vater, John Shakespeare, Tuchhändler und Handschuhmacher, ein im England des 16.Jahrhunderts angesehener und auskömmlicher Beruf, ist ein bedeutender Bürger Shakespeares Geburtsorts Stratford, 1565 zum Stadtrat, später zum Stadtverwalter (Bürgermeister) gewählt. Seine Mutter, Mary Arden, der katholischen "gentry", dem Landadel entstammend, bringt ein kleines Stückchen Land, vor allem aber ihren Namen ("of Wilcomte") ein und gibt der Familie dadurch einen Hauch von Aristokratie, der den lokalen Aufstieg Williams Vaters begünstigt. Trotz zeitweiliger Rückschläge durch fehlgeschlagene Geschäfte ist es daher möglich, William eine fundierte, vor allem auch literarisch geprägte Schulbildung zuteil werden zu lassen, die er wohl in Stratfords angesehener Grammar School erwirbt. Dort wird von überdurchschnittlich gebildeten – die Mehrheit sind Graduierte Oxfords – und bezahlten Lehren den Bürgerskindern die Lektüre von Äsops Fabeln, Catos Disticha, von Caesar, Sallust und Cicero, Ovid und Vergil, Plautus und Terenz nahegebracht, Grundzüge von Logik und Rhetorik vermittelt. Dem jungen Dichter, der Shakespeare nun werden sollte, stehen ferner erstmalig in der englischen Kulturgeschichte bedeutende kontinentaleuropäische Werke für Anleitung, Anregung und Referenz zur Verfügung. Eine geradezu beispiellose Übersetzungswelle fegt über das England des 16. Jahrhunderts hinweg und macht große Teile der französischen, spanischen und italienischen Literatur wie Petrarca, Ariost und Boccaccio Gemeingut des englischen Volkes. Der Humanismus hatte dafür gesorgt, die Schriften eines Erasmus, Pico della Mirandola und Ficino rasch zu verbreiten und auch die heimischen Autoren sind durch neue Ausgaben zur Hand, etwa Chaucer, der als unversiegbare Quelle für das Wissen von Mensch und Welt zu Shakespeares Zeit in Ansehen steht.

Ein ganzes Volk tritt mit mächtigen Schritten aus den letzten Schattenwürfen des Mittelalters heraus. Frobisher dringt bis in den nördlichen Polarkreis vor, Gilbert segelte an der Küste Amerikas entlang und entdeckte ungeahne kolonisatorische Möglichkeiten; Drake unternimmt Expeditionen nach den Westindies und jagt über alle Weltmeere spanischen und portugiesischen Schiffen nach, kehrt schließlich mit Schiffsladungen spanischen Silbers als gefeierter erster englischer Weltumsegler heim; Raleigh stößt nach Virginia, benennt es nach der "Virgin Queen", Elisabeth I. Dann 1588, das Jahr, in das wohl Shakespeares Wechsel nach London fällt: die spanische Armada versucht die Invasion Englands und wird von Lord Charles Howard vernichtend geschlagen. Die Euphorie über diesen Triumph ist grenzenlos, Elisabeth I. wird als Inkarnation Englands, als schlechthin ideale Gestalt verehrt: Das elisabethanische Zeitalter ist am Kulminationspunkt und Shakespeare vermag den Geist der Zeit zu erkennen und spüren, wiederzugeben, zu erläutern, zu persiflieren. London boomt, verdoppelt bis 1603 seine Einwohnerzahl. Händler und Handwerker, aber auch Landedelleute streben in die Stadt, Werften werden aus dem Boden gestampft, neue Stadteile entstehen aus ehemaligen klösterlichen Liegenschaften der Krone.

Der wirtschaftliche Aufschwung liefert die finanzielle Grundlage für ein Erblühen des kulturellen Lebens, insbesondere des Theaters. Aus spätmittelalterlichen Laienspielergruppen unter der Aufsicht der Zünfte entstehen professionelle Schauspielertruppen, das zyklenhaft-gelegentliche Mysteriendrama wandelt sich zum stehenden Theater mit festem Spielplan. Die Truppen, companies genannt, werden zumeist durch den Hochadel ausgestattet und tragen den Namen ihres jeweiligen Mäzens, etwa die Lord Leicester´s Men oder die Lord Chamberlain´s Men. Trotz der Symphathie der Königin für die companies gestatten die puritanischen Stadtväter Londons jedoch kein Schauspiel innerhalb der Stadtgrenzen. Die companies tragen die Schauspielerei daher vor die Tore Londons und errichten dort ihre Theater, vor allem The Rose (1587, Lord Strange´s Men), The Swan (1594) und The Globe (1599), das Theater der Lord Chamberlain´s Men an dem Shakespeare selbst beteiligt ist. Seit 1595 wird Shakespeare als Mitglied und Teilhaber dieser truppe geführt, einer der renommiertesten companies mit dem besten damaligen Schauspieler, Richard Burbage im Ensemble.

Wenige Jahre davor, wohl 1592, macht Shakespeare die Bekanntschaft des Earl of Southhampton, der sein großer Förderer wird und seiner Karriere einen weiteren wichtigen Impetus verleiht. Shakespeare widmet ihm als Dank Venus and Adonis (1593) und The Rape of Lucrece (1594, Die Schändung der Lukrezia) sowie seine Sonnets.

 

In London schreibt Shakespeare einen Großteil seiner Stücke, die seit seiner Eröffnung vor allem, aber nicht ausschließlich – häufig gab es auch Hofaufführungen vor Elisabeth I. und Jakob I -, im Globe aufgeführt werden. Shakespeares Arbeiten kommen bei Publikum (und bei der Krone) an – auch wenn die Kritik manchmal lästert; er erlangt durch seine Werke und deren Aufführungen (nicht zuletzt ist er auch tüchtiger Geschäftsmann und an den Einspielergebnissen beteiligt) einen hohen Lebensstandard – 1596 legt er sich ein Familienwappen zu, Zeichen gesellschaftlicher Akzeptanz und Wohlstandes – und kauft 1597 New Place, das schönste Haus im damaligen Stratford.

Um 1611 zieht sich Shakespeare als beneideter Dramaturg und Dichter – man vergleiche die Schmähworte Grahem Greenes auf seinem Sterbebett nach Stratford zurück, schreibt mit The Tempest sein letztes vollendetes und Alterswerk, in dem er die personelle Verbindung von Weisheit und Macht als Konfliktlösungsmodell propagiert. Wohl 1613 entstehen in Zusammenarbeit mit John Fletcher – wie man mutmaßt – Henry VIII und The Two Noble Kinsmen, letzteres erscheint posthum 1654.

Am 25. März 1616 schreibt er ein ausführliches und detailliertes Testament, unterschreibt alle drei Seiten eigenhändig mit bereits durch Krankheit geschwächter Hand – drei von insgesamt sechs als echt anerkannten Unterschriften Shakespeares. Am 23. April 1616, seinem 52. Geburtstag, stirbt der Dichter, den England bis heute als einen seiner größten Söhne sieht. Er wird am 26. April 1616 im Chorraum der Holy Trinity Church beigesetzt, unter Worten, die er vermutlich selbst verfasst hat:

 

Good friend, for Jesus' sake forbear

To dig the dust enclosed here.

Blest be the man that spares these stones

And curst be he that moves my bones.

 


 

1)There is an upstart crow, beautified with our feathers, that with his Tygers heart wrapt in a Players hide supposes he is as well able to bombast out a blank verse as the best of you; and, being an absolute Johannes Factotum, is in his own conceit the only Shake-scene in a country.