Was Shakespeare aß und trank

 

 

Shakespeares Werken entströmt der betörende Duft einer faszinierenden, vielschichtige, ja beinahe schillernden Persönlichkeit: Mal witzig und mal ernst, mal derb und mal feinfühlig. Das theatergeschichtlich einmalige Figurenensemble des dramatischen Opus´ zeugt von einer alle Begrenzungen sprengenden schöpferischen Phantasie, die jegliche Charaktereigenarten kennt und literarisch einzusetzen weiß.

Seit jeher vermögen derart Gesegnete mit ihren außergewöhnlichen Gaben die menschliche Seele zu erreichen und sie in ihren Bann zu schlagen – eine der größten Verlockungen der Kultur schlechthin. Das Publikum begehrt mehr zu wissen, interessiert sich für Details und Anekdoten aus dem Leben der Schaffenden. Die Realisierung dieses Wunsches gestaltet sich indes mit den Jahrhunderten, die zwischen Publikum und Künstler liegen, immer schwieriger, Zeitzeugen sterben, Quellen versiegen, Dokumente verschwinden.

In die genauen Umstände Shakespeares Leben zurückzublicken ist heute nicht einmal mehr im Ansatz möglich. Die Überlieferungen beschränken sich auf öffentliche Urkunden wie Tauf- und Heiratszeugnisse, Gerichtsprotokolle und Steuerlisten.

Hiervon besteht allerdings eine bemerkenswerte Ausnahme: Die Küche. Aus Berichten über Diners und Bankette, Kochbüchern, Marktlisten und Schiffsbüchern lässt sich ein ziemlich genaues Bild der Ernährung zeichnen, die der Mensch von Renaissance und elizabethan age vor mehr als 400 Jahren genoss. In Erzählungen und Reiseberichten sind die Tischsitten jener Epoche festgehalten. Berücksichtigt man englische Besonderheiten in der Ernährung und Shakespeares soziale Stellung, kann man einen vergleichsweise genauen Eindruck davon bekommen, was der große Dichter (wohl) aß und trank.

Ein Tag um das Jahr 1600 beginnt mit Brot und heißem Wein, einem leicht süßem Getränk aus Wein, Wasser, Safran, Ingwer, Honig und Mandeln. Auch Bier und Ziegenmilch wird gereicht, letzteres jedoch als Nahrungsmittel der weniger Betuchten, wohl nicht an Shakespeares Tisch. Auch dürfte er nicht schlichtes Weißbrot konsumiert haben, sondern manchet, einen sechspfündigen Laib Weizenschwarzbrotes, das anders als in späterer Zeit im elisabethanischen England großes Prestige besitzt.

Als Belag dienen Butter, sofern man es sich leisten konnte, und Marmelade, z.B. aus Trauben. Wie jedermann weiß, ist britisches Frühstück jedoch zuvörderst eine herzhaft-deftige Angelegenheit. So stehen auch Rühreier, angereichert mit Sprotten oder Hering, Eintopf und gekochtes Rind- oder Hammelfleisch auf dem Speiseplan.

Integraler Bestandteil des Tagesablaufs ist das Mittagessen. Die Zeit läuft noch langsamer und man gönnt sich gut zwei oder drei Stunden des Speisens und Trinkens. Es gibt Bier und Wein, Fleisch und Fisch. Vor allen Dingen in der heißen Jahreszeit stellt die Speisenaufbewahrung ein ernstes Problem dar. Man löst es zum Teil durch Einlegen in Öl und Salz, doch dies verhindert die Zubereitung so manchen Gerichtes. So lässt es sich nicht verhindern, dass Nahrung einen "Stich" erhält. Doch Weggwerfen wäre viel zu schade; schließlich hat man die Frischware teuer bezahlt. Bei Fleisch entfernt man daher erst sämtliche Knochen, wickelt es dann in ein grobmaschiges Tuch und gräbt es ungefähr einen Meter tief in die Erde. Dort ruht es 12 bis 20 Stunden. Danach glaubt man der Verwesung Einhalt geboten zu haben. Es wird stark gewürzt, z.T. noch mit Essig mariniert, verarbeitet und schließlich verzehrt.

Als Vorspeise isst man häufig potage, eine Dicksuppe aus grob gemahlenem Gemüse, entstanden ursprünglich aus dem Einweichen des Grünzeugs, um es leichter verdaulich zu machen. Seinen Teller potage leert man natürlich mit einem Löffel, falls man außer Haus ist, trägt man ein kleines Lederetui mit Essbesteck mit – allerdings meist ohne Gabel. Obwohl Heinrich VIII. deren Gebrauch in England eingeführt hatte, wird sie erst im 18.Jahrhundert populär, einstweilen begnügt man sich mit den naturgegebenen Hilfsmitteln. Vor allem in der Marine ist der Gebrauch der Gabel verpönt: Sie gilt als disziplinzersetzend und unmännlich.

 

Das elisabethanische dinner unterscheidet sich je nach gesellschaftlichem Rang erheblich. Während in den ärmeren, insbesondere ländlichen Bevölkerungsschichten nach einem vergleichsweise reichhaltigen Frühstück und Mittagessen das dinner nurmehr eine eher untergeordnete Rollle spielt und von (roh gegessenen) Rüben, (schlecht) gekochtem Kohl, Eintöpfen und Süßkartoffeln geprägt ist, tischt die bürgerliche Oberschicht und der Adel des Abends noch einmal groß auf. Auswahl, Einfallsreichtum und Kreativität bei der Auswahl und Zubereitung der Nahrungsmittel kennen schier keine Grenzen. Es wird nicht maßgehalten, sondern erlaubt ist, was [euch] gefällt.. So genießt man Austern, Truthahn, Hammel, Kapaun, Rebhuhn, Lerche, Fasan, Wachtel und Schnepfe, Lachs, Seezunge, Steinbutt, Merlan, Hummer, Languste, Krabben, Junghasen und sogar Singvogel in Backteig, Stachelschwein, gegrillten Pfau oder Schwan gewürzt mit Zimt und Safran, verschiedenste Käse, und als Nachspeise Quitten-Pie, Mandeltorte, getrocknete Früchte, Götterspeise und, für wahre Briten seit jeher unvermeidlich, Erdbeeren mit Schlagsahne. Und sind die Speisen für sich genommen nicht extravagant genug, hilft man mit Naturfarben kräftig nach.

Irgendwann, weit nach Zwölf in der Nacht, ereilt die Menschen dann wohl auch im Hause Shakespeare eine aus Völle, geistigen Getränken und Erschöpfung gespeiste Müdigkeit. Dann zieht man sich in seine Kammer zurück, trinkt noch einen caudle, ein mit Eier eingedickter Schlaftrunk auf Weinbasis, und ergibt sich den Träumen der Sommernacht.