Architektur zur Zeit des großen Barden

 

 

Als William Shakespeare 1564 das Licht der Welt erblickt, bestimmt seit sechs Jahren Elisabeth I., Tochter Heinrichs VIII. und Anna Boleyns, die Geschicke Englands. Sie war ihrer Halbschwester Maria ("Bloody Mary") nachgefolgt, einer Tochter Heinrichs VIII. mit Katharina von Aragón. Wie in Politik und Gesellschaft hatte ihre Besteigung des Thrones eines aufstrebenden Englands auch in Kunst und Kultur einen Epochenwechsel markiert.

In der Zeit zwischen dem letzten Jahrfünft der Regentschaft Heinrichs VII. (1503 – 1509) und der Hälfte der Regierung Heinrichs VIII. (gegen 1520) hatte sich der perpendicular style des spätgotischen mittelalterlichen England zum tudor style gewandelt: Die Baumeister waren dazu übergegangen systematisch-raumschmückende Struktur der perpendicular-Bauwerke durch Elemente der italienischen, flämischen und deutschen Renaissance zu ergänzen und durch diese ornamentale Erweiterung einen Baustil besonders reicher Formensprache zu entwickeln. Nachdem der Geist der Renaissance, von Italien ausgehend, wo sie zu diesem Zeitpunkt ihrem Höhepunkt zustrebte (Hochrenaissance), seit etwa 1500 durch Bildungsreisende wie Albrecht Dürer vermittelt, ganz (Kontinental-)Europa ergriffen hatte, brandete seine neue Sicht der Dinge damit um ein knappes halbes Jahrhundert verzögert schließlich auch an die Steilküsten Englands.

 

Doch blieb es einstweilen bei der schlichten Verquickung verschiedentlicher Bauformen, ohne dass es zur Ausbildung eines wirklichen einheitlichen Baustils gekommen wäre, wie der Name tudor style suggeriert: Fenster wurden Mittelpfosten hinzugefügt, Ziegel-Mauerwerk mit Fachwerk verbunden, Fenster von spitzzulaufenden Giebeln und Dächer von unzähligen Schornsteinen gekrönt, um den Bauten ein charakteristisches Erscheinungsbild zu geben. Im Inneren wurden die Räume vermehrt reichhaltig mit Möbeln ausgestattet, die eichenholzgetäfelten Räume mit Stuck verziert.

Jedoch erst die Architekten Elisabeths vermögen aus den disparaten Teilen und Formen ein vergleichsweise homogenes und harmonische Ganzes zu schmieden: Erker werden rhythmisch über die Gebäude verteilt, Wandmassen kubisch gestaltet, lange Galerien und breite Treppenhäuser eingefügt, die Bauten symmetrisch ausgerichtet. Exemplarisch hierfür ist Smythson´s Hardwick Hall in Derbyshire, ein zweigeschössiger Bau dessen Halle in H-Form gespiegelt geradezu perfekt balanciert ist und die Würde, Harmonie und Ordnung ausstrahlt, für die das elisabethanischen England nach dem Willen der aufstrebenden gentry stehen sollte. Im übrigen existiert eine Vielzahl an Grundrissen, vereinzelt wird etwa die Zahl 3 zugrundegelegt, um damit die göttliche Dreieinigkeit wiederzugeben; Triangular Lodge, Northhamptonshire besitzt demnach konsequenterweise drei Eingänge, drei Geschoße und drei Treppenhäusereine. Wesentlich beliebter ist jedoch der sogenannte E-shaped plan: Eine Seite des Gebäudes wird "weggelassen", so dass Sonnenlicht in die drei freiliegenden Seitentrakte besser eindringen und die Luft innerhalb des Gebäudes einfacher zirkulieren kann.

Dieser elizabethan style wird für die nächsten Jahrzehnte für faktisch alle wichtigen Bauvorhaben in England maßgebend. Es entsteht ein reicher Schatz spezifisch englischer Baukunst, der auch heute noch in fast unveränderter Schönheit bewundert werden kann: Etwa Wollaton Hall in Nottinghamshire, Longleat House in Wiltshire oder der schon zu Zeiten Heinrichs VII. begonnene Hampton Court Palace in Middlesex.

 

Im Herbst Shakespeares Lebens, nach dem Tode Elisabeths im Jahr 1603, schreitet die architektonische Entwicklung indes erneut voran: 1600 unternimmt Inigo Jones eine Studienreise nach Italien, verdingt sich als Kostüm-, Masken- und Bühnenbildner und lernt den Baustil Palladios kennen, der, Donato Bramantes Schule entstammend, nach den Maximen der Strenge, Würde und Klarheit unter Einbeziehung venezianischer Elemente (Triumphbogenmotiv Sansavinos) schafft. Auf einer zweiten Reise intensiviert Jones die Studien Palladios. Er übernimmt Palladios Art des Bauens und bringt sie nach England mit. Damit begründet er den Siegeszug des Klassizismus´ im Inselreich, den die Engländer als Gegenströmung zum römisch-katholischen Barock begierig aufnehmen. Im Gegensatz zum "klassischen Klassizismus" vor allen Dingen an spätrömischen Vorbildern orientiert entwickelt sich so der typischerweise von Säulen- und Kollossalordnungen geprägte Baustil königlicher Repräsentationsbauten (Queen´s House, Greenwich; Jones´ Meisterwerk, das Banqueting House in Whitehall), kirchlicher Monumentalgebäude (Neubau der St. Paul´s Cathedral in London durch Jones´ Schüler Christopher Wren) und, nach fast 200 Jahren ungebrochener Beliebtheit, als Neopalladianismus im 18. Jahrhundert adliger Landsitze (3rd Earl of Burlington) und kolonialer Bauten in Nordamerika.

So offenbart sich auch hierin die stilprägende Kraft Shakespeares und seines Zeitalters für eine noch weit entfernte Zukunft.